Interview

Interview

Heute frage ich ...

„ERNEUERBARE FÜR DUMMIES“ – DIESMAL: Wolfgang Rosenthal

von Mareike Vendt

Heute frage ich …“ ist ein Interview-Format der SONNENENERGIE, in dem Mareike Vendt gemeinsam mit Experten und Expertinnen über alles rund um Erneuerbare Energien und Co. spricht und die Fragen stellt, die fachfremde Menschen (wie sie) am Thema interessieren. Mareike Vendt ist studierte Geisteswissenschaftlerin und angehende Erzieherin in Ausbildung. Das große Themenfeld der Erneuerbaren begleitet sie schon eine Weile, weshalb sie, wie die meisten Menschen, die in dieser Welt nicht zuhause sind, viele Fragen hat. „Heute frage ich …“ interviewt in seiner fünften Ausgabe Wolfgang Rosenthal. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Blendungserscheinungen durch reflektierte Sonnenstrahlung und dort vor allem im Bereich der Photovoltaikanlagen zu finden.

xxx
Wolfgang Rosenthal, Bildquelle: Ida Hensche

Heute frage ich …“ ist ein Interview-Format der SONNENENERGIE, in dem Mareike Vendt gemeinsam mit Experten und Expertinnen über alles rund um Erneuerbare Energien und Co. spricht und die Fragen stellt, die fachfremde Menschen (wie sie) am Thema interessieren. Mareike Vendt ist studierte Geisteswissenschaftlerin und angehende Erzieherin in Ausbildung. Das große Themenfeld der Erneuerbaren begleitet sie schon eine Weile, weshalb sie, wie die meisten Menschen, die in dieser Welt nicht zuhause sind, viele Fragen hat. „Heute frage ich …“ interviewt in seiner fünften Ausgabe Wolfgang Rosenthal. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Blendungserscheinungen durch reflektierte Sonnenstrahlung und dort vor allem im Bereich der Photovoltaikanlagen zu finden.


Mareike: Hallo Wolfgang, vielen Dank, dass Du Lust hast, mit mir über Deine Arbeit und Dein Leben im Bereich der Erneuerbaren zu sprechen. Als erstes möchte ich gerne von Dir wissen, wie Du in dieser Branche gelandet bist?

Wolfgang: 1991 fiel mir auf einer dreimonatigen Reise durch Indonesien auf, dass dort häufig die kunstvollen Stroh- und Bambusdächer durch Wellblech ersetzt wurden. Ich dachte mir, dass das doch Irrsinn ist. Da wird ja die Hitze der kräftig scheinenden Sonne direkt ins Innere geleitet, statt sie abzuschirmen. Und dann dachte ich mehr und mehr über Sonnenenergie nach. Von Detailkenntnissen war ich noch meilenweit entfernt, entschloss mich aber, als ich zurück in Berlin war, das zu ändern. Ich fing ein Ingenieurstudium an der TU an, in einem Fachbereich, in dem im Vorlesungsverzeichnis was von Solarenergie stand.


Mareike: Wie viele Studiengänge hatten denn das Thema Solarenergie zu der Zeit?

Wolfgang: Also ich habe eigentlich nur den einen gesehen. Bei den Elektrotechnikern gab es auch was zur Photovoltaik, aber eher am Rande. Der Begriff Solartechnik erschien bei der thermischen Energie- und Verfahrenstechnik und da ich wenig Ahnung davon hatte, bin ich dort geblieben.


Mareike: Wie war das Studium aufgebaut? Kannst Du dich daran noch erinnern?

Wolfgang: Es gab das Grundstudium von fünf Semestern mit Mathe, Mechanik und Chemie. Mir hat es auf jeden Fall geholfen, dass ich vorher schon ein Examen abgeschlossen hatte und von daher wusste ich, dass im Lehrplan vieles steht, das einfach bestanden werden muss. In den Wahlpflichtbereichen habe ich mir noch ein paar schöne zusätzliche Sachen wie Sprachen oder Geschichte ausgesucht. Mir sind dennoch viele Sachen aufgefallen, die absurd waren. Zum Beispiel hatte damals eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur nachhaltigen Energieversorgung getagt und tolle Sachen gemacht, wovon ich in der Uni allerdings nichts gehört habe. Und der Dozent, der über Solartechnik sprach, hat vor allem von Atomkraftwerken geschwärmt.


Mareike: Wann hast Du Dich intensiv mit Erneuerbaren Energien auseinandergesetzt?

Wolfgang: Ab 1994, da hielt Hermann Scheer auf Einladung der IPPNW einen Vortrag zu seinem Thema der Solarenergie und breitete dabei die Vielfalt der solaren Energien sowie deren politische Dimensionen aus. 1995 bin ich dann zum Weltkongress der ISES nach Harare gefahren, begeistert von all dem Wissen, was es schon gab, und von dem an der TU so gut wie nichts zu sehen war …


Mareike: Wie ging es nach Deinem Studium weiter? Was war die nächste Etappe?

Wolfgang: Im Jahr 1997 unternahm ich den Versuch, an der TU ein Reformstudienprojekt zum Schwerpunktthema Regenerative Energieversorgung zu starten. Im Rahmen meiner Studien- und Diplomarbeit erstellte ich Simulationen für ganzjährige Speicherung von durch Solartechnik gewonnener Wärme für die winterliche Beheizung. Ich unternahm unter anderem den Versuch, ein Ingenieurkollektiv mit aufzubauen. Dies blieb aufgrund fehlender Gelder jedoch nur ein Versuch. Mit 48 Jahren war ich in diesem Bereich wieder Berufsanfänger und auf der Suche nach einem Job. Ich leitete dann eine Zeit lang die DGS-Solarschule Berlin. Danach war ich Freelancer in Lhasa, um herauszufinden, wie dort städtische Wohnungen regenerativ beheizt werden könnten. Letztendlich landete ich dann im Rahmen eines Consultingauftrags bei der Solarpraxis Berlin und bin bis heute dort Blendgutachter.


Mareike: Was hast Du vorher gemacht?

Wolfgang: Ursprünglich habe ich mal Mathe, Physik und Pädagogik studiert. Nach einem Praktikum in einer Schule habe ich dann aber gemerkt, dass das Schulsystem und ich nicht so gut zusammenpassen. Dann habe ich vier Semester Politologie studiert und den Faschismus meiner Eltern aufgearbeitet. Dann habe ich noch ein Juraexamen gemacht, wusste aber schon davor, dass ich mein Leben nicht in diesem Bereich verbringen will. Anschließend folgte dann noch ein Taxischein, Erfahrungen im Straßentheater, ich bin rumgereist und habe eine Weile in Südfrankreich gelebt, habe in Gemeinschaft ein Haus als Urlaubszuflucht saniert und dann bin ich, wie anfangs schon erwähnt, im Jahr 1991 in Indonesien mit der Solartechnik in Berührung gekommen. Das lange Suchen hat sich am Ende gelohnt.


Mareike: Und nun bist Du der einzige geprüfte Blendgutachter Deutschlands? Wie kam es dazu?

Wolfgang: Im Fachbereich Energie- und Verfahrenstechnik ging es um thermische Solarenergie. Anfang 2005 wurde ich von der Solarpraxis für ein Projekt angestellt, in dem es um Vakuumröhren ging. Aber zum Ende der Nullerjahre ging es mit der thermischen Solarenergie bergab und die Solarpraxis schwenkte mehr und mehr zur Photovoltaik, von der ich nur grobmaschig Ahnung habe. 2007 kam eine erste Anfrage für ein Blendgutachten und eine Kollegin bearbeitete diesen Auftrag. Sie hasste es von Anfang an und war heilfroh, dass ich mich dieses Themas annahm. 2014 wurde aus der ehemaligen Ingenieurabteilung der Solarpraxis die eigenständige Solarpraxis Engineering. Unser Chef meinte, die Gutachtenden unter uns sollten sich um eine öffentliche Bestellung bei der IHK bewerben. Auf dem Gebiet der Blendung hatte ich mittlerweile schon ein gutes Stück Erfahrung gesammelt und mit einem dicken Ordner gesammelten Materials und einiger Beispielsgutachten konnte ich den Zuständigen bei der IHK davon überzeugen, dass das ein eigenständiges Sachgebiet ist, das es bisher noch nicht gab. Er wiederum musste davon aber erst noch alle anderen IHKs überzeugen, was ihm am Ende gelungen ist. Die Prüfung hat sich dann auch noch ein bisschen hingezogen, aber im April 2017, eingekeilt zwischen meinem 65. Geburtstag und dem Eintritt in die Altersrente, war es dann so weit mit der öffentlichen Bestellung.


Mareike: Du bist weiterhin der einzige Geprüfte? Wird das von der IHK nicht transparent angeboten?

Wolfgang: Ich glaube, viele wollen mit dieser Thematik eigentlich nicht viel am Hut haben. Das Sachgebiet gibt es seit fünf Jahren und es wäre möglich, sich dafür zu bewerben.


Mareike: Wie lief die Prüfung ab? Wie lange dauert das Verfahren?

Wolfgang: Ich musste eine Liste einreichen, auf der stand, was ich alles schon für Blendgutachten gemacht habe. Und daraus sollte ich fünf vorschlagen. Drei davon wurden dann ausgewählt und von anderen Gutachtern durchgesehen. Ich musste darüber hinaus fünf Kunden nennen, die mit meiner Arbeit zufrieden waren. Das Ganze hat sich dann über zwei Jahre gezogen. Es dauerte lange, die anderen IHKs davon zu überzeugen, dass Blendgutachten und alles was dazu gehört, ein eigenständiges Gebiet ist, für das es auch einen Bedarf gibt.


Mareike: Schön. Nun die Abschlussfrage: Wie lange möchtest Du noch Blendgutachten schreiben?

Wolfgang: So lange es geht.


Mareike: Vielen Dank, lieber Wolfgang.

Mareike Vendt
Online-Redakteurin
vendtm@web.de

xxx